Archiv der Kategorie: Management

Scrum und das Viable System Model

In der heutigen Unternehmenslandschaft ist die Einführung von Scrum oft zum Synonym für agile Transformation geworden. Doch Führungskräfte, die diese Prozesse in gewachsenen Konzernstrukturen begleiten, kennen die bittere Realität: Wo Scrum auf bürokratische Silos trifft, entstehen nicht selten Reibungsverluste, Überlastung oder eine schleichende Entwertung der agilen Rollen.

Anton Yurok greift in seiner Arbeit mit dem Untertitel Integrationsansätze für stabile Scrum-Teams in komplexen Organisationen genau dieses Problem auf und wählt einen wissenschaftlich anspruchsvollen, aber für die Praxis extrem erhellenden Zugang: Er analysiert Scrum durch die Brille des Viable System Models (VSM) von Stafford Beer. Sein Werk ist damit ein Plädoyer für ein tieferes Verständnis organisationaler Lebensfähigkeit, weit über bloße Methodentrainings hinaus.

Um das komplexe Vorhaben der Integration von agilem Framework und kybernetisch geprägter Systemtheorie methodisch zu bewältigen, verfolgt Yurok einen stringenten wissenschaftlichen Aufbau.

In einer theoretischen Grundlegung (Kapitel 2-3) wird eine beeindruckende Synthese geleistet. Das Viabel System Model (VSM) wird als theoretische Basis leitet die funktionalen Anforderungen an ein „lebensfähiges System“ präzise her. Durch die Einordnung von Scrum in die fünf Subsysteme des VSM wird das notwendige Vokabular hergeleitet, um die methodischen Grenzen des Frameworks wissenschaftlich belastbar zu benennen.

Die folgende Analyse der Integrationsdefizite (Kapitel 4) ist für Praktiker von besonderem Wert. Darin wird entfaltet, warum „reine“ Scrum-Implementierungen in komplexen Umgebungen oft an eine „systemische Deplatzierung“ stoßen. Es wird deutlich gemacht, dass die klassische Scrum-Konfiguration in hierarchischen Organisationen häufig als isoliertes Subsystem agiert, das ohne die notwendige regulatorische Rückkoppelung nach oben zum Scheitern verurteilt ist.

Die Entwicklung des V-Scrum-Modells (Kapitel 5) ist das Herzstück der vorliegenden Arbeit. Es ist so konzipiert, dass aus der systemischen Diagnose acht „Strukturbausteine“ abgeleitet werden. Sie dienen als konkrete Design-Vorschläge für die Gestaltung lebendiger Organisationen. Es ist kein theoretisches Gedankenspiel, sondern ein instruktiver Leitfaden für die organisatorische Architektur.

Im abschließenden Kapitel 6 (Reflexion und Transfer) bewertet der Autor die Validität seines Ansatzes. Durch eine kritische Diskussion der Grenzen und Möglichkeiten stellt er den Transfer in die Praxis sicher und fordert zur weiteren wissenschaftlichen Auseinandersetzung auf.

Das entwickelte „V-Scrum“-Modell erkennt an, dass Scrum operative Exzellenz liefert, aber in der systemischen Steuerung durch Führungskräfte zu ergänzen ist. Folgende Bausteine geben Führungskräften eine klare Orientierung für das Design stabiler Teams:

  • Explizite Differenzierung: Eine bewusste Trennung von operativer Teamebene und Managementebene, um die operative Autonomie der Teams zu schützen und gleichzeitig strategische Leitplanken zu setzen.
  • Strukturelle Absicherung: Die soziale Ebene, die in Scrum oft als „Soft Skill“ vernachlässigt wird, wird hier als systemrelevante Komponente definiert, die durch explizite Mechanismen zur Förderung der Interaktionsfähigkeit gestärkt werden muss.
  • Algedonische Signale: Ein hochinteressantes Konzept, das Führungskräften hilft, Alarmsignale für systemkritische Abweichungen zu installieren, die über das reguläre Sprint-Review hinausgehen, um frühzeitig steuernd einzugreifen.
  • Rollenfokussierung: Der Scrum Master wird hierbei von einer Überlastung durch disziplinarische Aufgaben entlastet, während gleichzeitig die notwendige disziplinarische Führung im System verankert bleibt – eine klare Absage an die „herrenlose“ agile Selbstorganisation.

Insgesamt gelingt es dem Autor mühelos, die oftmals als zu trocken empfundene Systemtheorie in konkreten Nutzen für die agile Führungspraxis zu übersetzen. Wer verstehen will, warum agile Transformationen nicht allein durch Schulungen, sondern durch strukturelle Anpassungen gelingen, findet hier eine fundierte Antwort. Die Arbeit zeigt auf, dass Instabilität in Scrum-Teams meist ein systemischer Hilferuf ist und kein Zeichen mangelnder Kompetenz im Team. „V-Scrum“ fungiert somit als notwendiger diagnostischer Orientierungsrahmen, um die strukturellen Grenzen agiler Implementierungen zu verstehen und diese gezielt zu erweitern.

Das Durcharbeiten des Buches ist den Organisationsentwicklern, Agilen Coaches sowie Fach- und Führungskräften uneingeschränkt zu empfehlen, die den „Allwirksamkeitsglauben“ an agile Methoden hinterfragen und stattdessen systemisch fundierte Wege zur organisationalen Lebensfähigkeit suchen.

Anton Yurok (2026):
Scrum und das Viable System Model.
Integrationsansätze für stabile Scrum-Teams in komplexen Organisationen
Tectum
ISBN:‎ 978-3-68900-638-9 (Buch)
ISBN: 978-3-68900-638-6 (eBook)

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Transparenzhinweis:
In diesem Beitrag wurde der KI-Assistent Claude zur Unterstützung bei der Korrektur von Tippfehlern sowie als struktureller und stilistischer Resonanzboden genutzt. Jede von Claude vorgeschlagene Anpassung wurde vor einer Übernahme vom Autor geprüft. Die inhaltliche Konzeption, Argumentation, Schlussfolgerungen, Quellenauswahl und finale Überarbeitung erfolgten vollständig durch den Autor.

Entscheiden in Zeiten der algorithmischen Kontingenz

In der heutigen BWL wird die Fähigkeit zur begründeten Entscheidung als Kernkompetenz von Führung verstanden. Während klassische Entscheidungstheorien, etwa in der Tradition von Gutenberg1 oder Heinen2, die rationale Wahl unter Unsicherheit betonen, steht dieses Paradigma heute vor einer fundamentalen Transformation. Angesichts der rasanten Durchdringung organisationaler Prozesse durch Künstliche Intelligenz (KI) verschiebt sich die Rolle der Führungskraft hin zu einer stärkeren ethischen, strategischen und legitimierenden Verantwortung.3

KI als analytischer Partner

Die aktuelle Forschung unterstreicht, dass KI-Systeme exzellente Leistungen in der Erhebung und Verarbeitung von Daten und der Optimierung komplexer, vernetzter Systeme erbringen3. Diese algorithmische Präzision liefert eine neue Qualität der Evidenz, die Entscheidungen auf eine breitere Informationsbasis stellt. In der Systemtheorie nach Luhmann4 ist Führung jedoch untrennbar mit der Reduktion von Komplexität durch generierende Zuordnung von Bedeutung zu Episoden des alltäglichen Erlebens verbunden.

KI bleibt auf die technologisch-mathematische Ebene begrenzt, demgegenüber ist und bleibt die Einbettung der Resultate von KI in die organisationsinterne Wirklichkeit, deren ethische Verantwortung und die dazugehörige rechtliche Compliance durch den Menschen sicherzustellen.5 Ein entscheidender Punkt dabei ist die Algorithmische Voreingenommenheit, die dazu führen kann, dass bestehende soziale Ungleichheiten in automatisiert getroffene Entscheidungen einfließen, sofern sie nicht durch eine kritische menschliche Aufsicht korrigiert werden.6 Insgesamt ist festzustellen, dass der bewusste Einsatz von KI entscheidungsvorbereitende Evidenz generiert, ohne die finale Entscheidung zu präjudizieren. Die generierte Evidenz wirkt als Entscheidungsprämisse7, die das Entscheiden entlastet, indem sie den Spielraum für zukünftige Entscheidungen einschränkt, der Reduktion von Komplexität dient und die organisationsinterne Anschlussfähigkeit von Kommunikationen erhöht.

Die Kontingenz der Entscheidung

Entscheidung bedeutet den Ausschluss von Alternativen zur Beendigung von Kontingenz.4 Während KI den Raum des „Möglichen“ durch Berechnungen aufgrund von Wahrscheinlichkeiten erweitert, bleibt die finale Entscheidung für das „Verantwortbare“ eine genuin menschliche Leistung.8 Im Sinne der Prinzipal-Agent-Theorie9 haben Führungskräfte sicherzustellen, dass algorithmische Unterstützung nicht zu einer unerwünschten Entkopplung von strategischen Zielen führt. Der Mensch fungiert hierbei als notwendige Instanz der Legitimation, um das schwache Vertrauen in digitale Systeme zu stabilisieren.10

Herausforderungen

Die akademische Lehre hat dieses Anforderungsprofil aktiv zu spiegeln. Dazu hat sie über die reine Technikanwendung hinauszugehen. Betriebswirtschaftliche Kernbereiche wie Organisation, Strategie und Kommunikation sind im Licht der digitalen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft neu zu interpretieren. Technologische Werkzeuge können die pädagogische und ethische Verantwortung niemals ersetzen.11 Eine BWL, die die Entscheidungslehre und ihre ethischen Implikationen vernachlässigt, verliert somit eine gewichtige Komponente ihrer theoretischen Fundierung.12

Fazit

KI fungiert als mächtiges Werkzeug, welches den Fokus unserer Verantwortung schärft. Die Zukunft der Führung liegt in der Souveränität, technologische Empfehlungen kritisch zu hinterfragen und ethische Entscheidungen in einer algorithmisch geprägten Welt zu legitimieren. Wir stehen vor der Aufgabe, eine „Human-in-the-loop“-Architektur zu etablieren, die technologische Leistungsfähigkeit mit menschlicher Integrität und strategischer Weitsicht verbindet. Hochschulen tun gut daran, in ihren BWL-Angeboten die Fähigkeit einüben zu lassen, Gültigkeit, Herkunft und Kontextabhängigkeit von Daten und deren Bedeutungsgehalt zu prüfen. Dadurch werden ihre Absolventinnen und Absolventen mit einem Reflexionsvermögen ausgebildet, mit dem sie auch in Zeiten der digitalen Transformation ihre Entscheidungen in verantwortungsvoll treffen können. Daher beibt auch in der zukünftigen BWL die Fähigkeit zur begründeten Entscheidung eine Kernkompetenz von Führung.

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  1. Gutenberg, E. (1983): Einführung in die Betriebswirtschaftslehre, Springer [↩]
  2. Heinen, E. (1991): Industriebetriebslehre, Gabler [↩]
  3. Stowasser, S. et al. (o.J.): Führung im Wandel: Herausforderungen durch KI. Whitepaper, RWI. [↩] [↩]
  4. Luhmann, N. (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Suhrkamp [↩] [↩]
  5. Dahm, M. H.; Twesten, N. (2023): Der Artificial Intelligence Act als neuer Maßstab für künstliche Intelligenz. Das Spannungsfeld zwischen Regulatorik und Unternehmen, SpringerGabler [↩]
  6. Eubanks, V. (2018): Automating Inequality: How High-Tech Tools Profile, Police, and Punish the Poor. St. Martin’s Press. [↩]
  7. Simon, H. A. (1976): Administrative Behavior. A Study of Decision-Making Processes in Administrative Organization, Third Edition, The Free Press; Luhmann, N. (2000): Organisation und Entscheidung, Opladen [↩]
  8. Sacavém, A. et. al. (2026): AI-Driven Leadership: Decision-Making, Competencies, and Ethical Challenges.n In: Adm. Sci. 2026, 16, 173, S. 1 b- 38, https://doi.org/10.3390/admsci16040173 [↩]
  9. Jensen, M. C.; Meckling, W. H. (1976): Theory of the Firm: Managerial Behavior, Agency Costs and Ownership Structure. In: Journal of Financial Economics, Vol. 3, Issue 4, pp. 305-360, https://doi.org/10.1016/0304-405X(76)90026-X [↩]
  10. Zuboff, S. (2019): The Age of Surveillance Capitalism. PublicAffairs [↩]
  11. Hofmann, J. (2025): KI in der akademischen Prüfungsbewertung. In: ZFHE Jg. 20 / SH-KI-1 (Februar 2025), S. 109–125, https://doi.org/10.21240/zfhe/SH-KI-1/07 [↩]
  12. Floridi, L. (2021): The Ethics of Artificial Intelligence. Principles, Challenges, and Opportunities. Oxford University Press. [↩]

Zwischen Wissen und Tun

Führungsentscheidungen scheitern seltener an fehlenden Daten als an fehlender Resonanz. Die strukturelle Einsamkeit von Eigentümern und Führungskräften stellt ein weithin unterschätztes organisationales Risiko dar. Es wird weder durch Coaching noch durch beraterische Expertise minimiert.

Die Forschung zu Führungseinsamkeit, kognitiver Isolation und adaptiver Führung zeigt, dass Eigentümer und Führungskräfte die Begleitung durch einen active confidant benötigen: ein Gesprächspartner ohne Eigeninteresse, der nicht spiegelt, sondern benennt und damit den Übergang von Zögern zu Handlung ermöglicht. Zwischen prozessualem Coaching und konfrontativer Beratung übernimmt der active confidant eine eigenständige Rolle im Führungssystem.

1. Wer entscheidet, wenn niemand mehr widerspricht?

Mit jeder Hierarchiestufe wächst in Organisationen die Verantwortung. Gleichzeitig schwindet häufig etwas anderes: die Wahrscheinlichkeit, unverstellte Rückmeldungen zu erhalten. Informationen werden vorsichtiger formuliert, Kritik wird diplomatischer, Widerspruch seltener. Was als Autorität erscheint, erzeugt oft eine paradoxe Nebenwirkung: Einsamkeit. Genau hier entsteht eine Lücke, die in keinem Organigramm auftaucht.

Führungsentscheidungen scheitern selten an fehlenden Daten. Moderne Organisationen verfügen über mehr Informationen als jemals zuvor. Sie scheitern häufiger an fehlender Resonanz. Die strukturelle Einsamkeit von Eigentümern und Führungskräften ist deshalb kein persönliches Problem, sondern ein unterschätztes organisationales Risiko.

Forschung zu Führungseinsamkeit, kognitiver Isolation und adaptiver Führung weist seit Jahren auf dieses Phänomen hin. Eigentümer und Führungskräfte benötigen nicht nur Informationen, Expertise oder methodische Reflexion. Sie benötigen einen Gesprächspartner ohne Eigeninteresse. Sie benötigen jemanden, der nicht schont, nicht taktiert und nicht bewertet, sondern benennt. Ich bezeichne diese Rolle als active confidant.

2. Die unsichtbare Zone der Entscheidung

Die meisten Entscheidungen entstehen nicht in Sitzungen. Sie entstehen nach dem letzten Termin des Tages. Auf der Heimfahrt. Beim Blick aus dem Hotelfenster. In jenen Momenten, in denen die Argumente bekannt sind, die Konsequenzen aber offen bleiben. Eigentümer und Führungskräfte kennen diesen Ort. Dort steht man allein mit dem Wissen. Oder mit dem, was man nicht weiß.

Was fehlt in solchen Situationen? Meist nicht Information. Es fehlt ein unabhängiges Gegenüber. Der Anwalt minimiert Risiken. Der Berater liefert Expertise. Der Coach unterstützt Reflexion. Klassisches Coaching verzichtet bewusst darauf, Entscheidungen vorzugeben oder Position zu beziehen.1 Genau darin liegt seine Stärke. Doch genau darin liegt in kritischen Situationen auch seine Grenze.Denn manche Führungssituationen verlangen nicht nach weiteren Fragen, sondern nach größerer Klarheit. Nicht nach Schonung, sondern nach Wahrhaftigkeit.

3. Der Active Confidant

Die Funktion eines active confidant besteht in der Herstellung entscheidungsrelevanter Resonanz unter Bedingungen struktureller Unsicherheit. Führungskräfte und Eigentümer müssen regelmäßig Entscheidungen treffen, deren Folgen nicht sicher vorhersehbar sind. Organisationstheoretisch handelt es sich um ein Grundproblem jeder Entscheidung: Sie muss getroffen werden, obwohl die Zukunft unbekannt bleibt.2

Der active confidant löst dieses Problem nicht auf. Er hilft vielmehr dabei, es besser zu beobachten. Er erweitert nicht primär den Informationsbestand. Er macht sichtbar, welche Annahmen, blinden Flecken und unausgesprochenen Prämissen die Entscheidungsfindung beeinflussen. In dieser Hinsicht ähnelt seine Rolle dem Konzept des „critical friend“, der Vertrauen mit konstruktiver Konfrontation verbindet.3 Gleichzeitig geht der active confidant darüber hinaus. Er bleibt nicht bei der Reflexion stehen. Er interveniert dort, wo Reflexion in Entscheidungsvermeidung umzuschlagen droht.

4. Resonanz ist wichtiger als Information

Die Forschung zeigt, dass Führungskräfte mit zunehmender Verantwortung häufig weniger offene Rückmeldungen erhalten als Mitarbeitende auf unteren Hierarchieebenen.4 Das Problem ist dabei nicht fehlendes Wissen. Das Problem ist fehlende Resonanz.

Karl Weick hat gezeigt, dass Menschen nicht auf objektive Realität reagieren, sondern auf die Bedeutungen, die sie dieser Realität zuschreiben.5 Bedeutung entsteht nicht isoliert, sondern im Dialog. Erst im Gespräch wird sichtbar, welche Interpretation einer Situation handlungsfähig macht.

Führungseinsamkeit bedeutet deshalb mehr als soziale Isolation. Sie bedeutet den Verlust eines zentralen Mediums des Herausarbeitens von Bedeutung. Der active confidant schafft genau diesen Resonanzraum. Ohne politische Agenda. Ohne Karriereinteresse. Ohne organisationale Abhängigkeit. Seine Legitimation entsteht nicht aus formaler Macht, sondern aus Vertrauen, Unabhängigkeit und der Bereitschaft, das Offensichtliche auszusprechen.

5. Einsamkeit ist ein Kostenfaktor

Führungskräfte erleben überdurchschnittlich häufig Stress, Isolation und innere Entfremdung.6 Was häufig als individuelles Problem erscheint, besitzt erhebliche organisationale Konsequenzen.

Soziale Isolation beeinträchtigt kognitive Leistungsfähigkeit und Exekutivfunktionen – also genau jene Fähigkeiten, die für anspruchsvolle Entscheidungen benötigt werden.7 Weitere Studien zeigen, dass Isolation die Qualität strategischer Entscheidungen negativ beeinflussen kann und das Risiko von Fehlurteilen erhöht.

Der eigentliche Preis liegt dabei nicht notwendigerweise in falschen Entscheidungen. Er liegt in den Entscheidungen, die nicht getroffen werden. In Organisationen entstehen hohe Kosten oft nicht durch Handlungen, sondern durch ausbleibende Handlungen. Energie fließt in Analyse, Absicherung und Aufschub, während Handlungsfenster verstreichen.

6. Die Bedeutung eines unabhängigen Gegenübers

In vielen Gesellschaften sinkt das Vertrauen in Institutionen. Gleichzeitig nehmen Komplexität, Unsicherheit und Veränderungsgeschwindigkeit zu. Je fragiler die Orientierung durch äußere Strukturen wird, desto wichtiger werden verlässliche Formen persönlicher Resonanz. Der Bedarf an unabhängigen Gesprächspartnern wächst deshalb nicht trotz, sondern wegen der zunehmenden Verfügbarkeit von Informationen.

Denn Informationen beantworten selten die entscheidende Frage: „Was bedeutet das für meine konkrete Entscheidung?“ Genau an dieser Stelle beginnt die Arbeit eines active confidant. Nicht als Coach. Nicht als Berater. Nicht als Mentor. Sondern als unabhängiges Reflexions- und Resonanzmedium für Entscheidungen, die letztlich niemand außer der verantwortlichen Person selbst treffen kann.

7. Die eigentliche Lücke

Vielleicht liegt die größte Herausforderung moderner Führung nicht im Umgang mit Unsicherheit. Vielleicht liegt sie im Umgang mit der Einsamkeit, die Unsicherheit erzeugt. Organisationen investieren erhebliche Mittel in Daten, Analysen, Prozesse und Expertise. Weit weniger Aufmerksamkeit erhält die Frage, wer denjenigen zur Verfügung steht, die am Ende entscheiden müssen.

Die eigentliche Lücke im Organigramm ist deshalb häufig keine fehlende Funktion. Es ist ein fehlendes Gegenüber. Denn Entscheidungen entstehen nicht dort, wo Informationen vorhanden sind. Sie entstehen dort, wo jemand den Mut findet, einer Wirklichkeit ins Auge zu sehen – und dennoch zu handeln.

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In diesem Beitrag wurde der KI-Assistent Claude zur Unterstützung bei der Korrektur von Tippfehlern sowie als struktureller und stilistischer Resonanzboden genutzt. Jede von Claude vorgeschlagene Anpassung wurde vor einer Übernahme vom Autor geprüft. Die inhaltliche Konzeption, Argumentation, Schlussfolgerungen, Quellenauswahl und finale Überarbeitung erfolgten vollständig durch den Autor.

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  1. Athanasopoulou, A./ Dopson, S. (2018): A systematic review of executive coaching outcomes: Is it the journey or the destination that matters the most? In: The Leadership Quarterly, 29(1), S. 70–88 [↩]
  2. Luhmann, N. (2000): Organisation und Entscheidung, Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag [↩]
  3. Costa, A. L./ Kallick, B. (1993): Through the Lens of a Critical Friend. In: Educational Leadership, 51(2), S. 49–51 [↩]
  4. Rokach, A. (2016): Leadership and Loneliness. In: International Journal of Leadership and Change, 4(1), S. 8–18; Kets de Vries, M. F. R. (2014): The Leader on the Couch: A Clinical Approach to Changing People and Organizations, 2. Aufl. San Francisco: Jossey-Bass [↩]
  5. Weick, K. E. (1995): Sensemaking in Organizations. Thousand Oaks, CA: Sage Publications [↩]
  6. Rokach, A. (2016): Leadership and Loneliness. In: International Journal of Leadership and Change, 4(1), S. 8–18 [↩]
  7. Cacioppo, J. T./ Hawkley, L. C. (2009): Perceived Social Isolation and Cognition. In: Trends in Cognitive Sciences, 13(10), S. 447–454 [↩]

Masterclass Komplexität

Wer ein Buch sucht, das verspricht, Komplexität zu „lösen” oder in fünf Schritten zur übersichtlichen Organisation zu führen, wird hier nicht fündig. Und das ist genau richtig so. Denn Masterclass Komplexität (Untertitel: St. Galler Managementimpulse für souveräne Führung) etzt dort an, wo die meiste Managementliteratur aufhört: beim ehrlichen Eingeständnis, dass Ungewissheit kein vorübergehendes Problem ist, sondern der Normalzustand moderner Führung.

Das vorliegende Werk ist ein Sammelband von 18 Expertinnen und Experten, die alle eines gemeinsam haben: eine tiefe Prägung durch das Management Zentrum St. Gallen (MZSG). Diese geteilte intellektuelle Herkunft verleiht dem Buch trotz seiner Vielstimmigkeit eine bemerkenswerte inhaltliche Kohärenz. Das Fundament bildet die klassische St. Galler Management-Philosophie: Unternehmen werden als offene Systeme verstanden, eingebettet in eine dynamische Umwelt. Führung bedeutet in dieser Lesart nicht Kontrolle, sondern die bewusste Gestaltung von Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich Organisationseinheiten selbst steuern können. Wer die Werke von Fredmund Malik, Hans Ulrich oder Stafford Beer kennt, wird den roten Faden sofort erkennen – und zugleich bemerken, wie konsequent diese Ideen in die Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts übersetzt werden.

Die zentrale Erkenntnis des Buches ist so einfach wie unbequem: Komplexität lässt sich nicht beseitigen. Sie kann nur verstanden, navigiert und produktiv genutzt werden. Diese Einsicht aus der Kybernetik und Systemtheorie zieht sich durch alle Kapitel und gibt dem Band eine klare, orientierende Mitte.

Die Impulse des Buches lassen sich grob in drei Dimensionen gliedern.

Auf der individuellen Ebene geht es unter dem Begriff “Self-Leadership” um mentale Stärke, Resilienz und die Fähigkeit, unter Druck klar zu entscheiden. Besonders bemerkenswert ist dabei der Fokus auf die sogenannte „innere Komplexität” einer Führungskraft: die Überzeugungen, Muster und blinden Flecken, die das eigene Urteilsvermögen beeinflussen, lange bevor externe Herausforderungen überhaupt sichtbar werden.

Auf der organisationalen Ebene diskutieren mehrere Beiträge, wie Unternehmen agiler werden können, ohne im Chaos zu versinken. Es geht um fluide Organisationsformen, die Abkehr von starren Hierarchien und die Entwicklung hin zu lebensfähigen, sich selbst regulierenden Systemen – eine Perspektive, die weit über modische Agilität hinausgeht und systemtheoretisch fundiert ist.

Schließlich öffnet das Buch den Blick auf den globalen Kontext: Geopolitische Verschiebungen, die wachsende Bedeutung Chinas und die digitale Transformation werden als Verstärker von Komplexität analysiert, nicht als isolierte Trends. Das gibt dem Band eine Tiefe, die rein betriebswirtschaftlich ausgerichtete Werke selten erreichen.

Zu den herausragenden Qualitäten des Buches zählt seine Interdisziplinarität. Nicht nur Betriebswirte kommen zu Wort – die Perspektiven reichen von Psychologie bis zu Technologie-Expertise, was dem Thema Komplexität auf erfrischende Weise gerecht wird. Hinzu kommt die Modularität des Werkes: Da jedes Kapitel für sich steht und mit konkreten „Impulsen” schließt, eignet es sich hervorragend als Nachschlagewerk für vielbeschäftigte Führungskräfte, die gezielt einzelne Themen vertiefen wollen.

Der einzige Wermutstropfen ist dem Genre des Sammelbandes geschuldet: Die Kapitel variieren in ihrer Tiefe. Während manche Beiträge philosophisch-abstrakt bleiben, liefern andere direkt anwendbare Werkzeuge und Checklisten. Das ist keine Schwäche des Konzepts, aber eine, auf die Leserinnen und Leser vorbereitet sein sollten.

Das Buch fordert die Bereitschaft, liebgewonnene lineare Denkmodelle – Ursache führt zu Wirkung, Problem hat Lösung – zugunsten eines systemischen Verständnisses aufzugeben. Das ist anspruchsvoll. Es lohnt sich aber für all jene Führungskräfte, Entscheider und Berater, die erkannt haben, dass viele klassische Managementwerkzeuge – vom traditionellen Controlling bis zur linearen Jahresplanung – in einer volatilen, unsicheren, komplexen und ambiguenten Welt schlicht nicht mehr greifen.

Masterclass Komplexität liefert diesen Leserinnen und Lesern kein bequemes Update, sondern ein echtes: keine einfachen Antworten, aber die richtigen Fragen und Denkrahmen, um in der Ungewissheit handlungsfähig zu bleiben. Als fundierter Gegenentwurf zur oft oberflächlichen Managementliteratur ist dieser Band eine klare Empfehlung.

Management Experts St. Gallen (Hrsg.):
Masterclass Komplexität
St. Galler Managementimpulse für souveräne Führung
BoD – Books on Demand
ISBN:‎ 978-3-695-10049-1

Frühzeitige Kostenschätzung

Bei jeder Planung eines Projektes sind auch Aussagen über die voraussichtliche Höhe der Investitionen nötig. Dies gilt oft genug auch dann, wenn noch kaum messbare Größen verfügbar sind. Auch für die Präsentation des geplanten Projektes ist es hilfreich, frühzeitig realitätsnahe Aussagen über die voraussichtlich zu tragende Kosten zu treffen.

In einem Projektstrukturplan werden nötige Aktivitäten zu Arbeitspaketen gebündelt und jeweils dazugehörige Kosten aufgelistet, deren Summe dem benötigten Projektbudget gleichkommt. Eine gute Projektstrukturplanung enthält dazu noch die zugrunde gelegten Annahmen und die festgestellten Einschränkungen, von denen ausgegangen wird.

Die Summe der erwarteten Kosten wird oft als Gesamtkosten angesehen. Dabei wird unterstellt, dass die einzelnen Kosten letztlich Mittelwerte einer Normalverteilung wären und sich daher Über- und Unterschreitungen gegenseitig aufheben. In der Realität des Projektalltag ist es unrealistisch anzunehmen, dass die Aktivitäten im gleichen Verhältnis „früher als geplant“ und „später als geplant“ fertiggestellt wurden.

Um diesem Umstand bei der frühzeitigen Schätzung des Projektbudgets Rechnung zu tragen ist es sinnvoller, keine ohnehin ungenauen Einzelschätzungen vorzunehmen, sondern für jede Aktivität die Spanne möglicher Kostenschätzungen zu berücksichtigen.1 Dazu wird ein Erwartungswert anhand eines optimistischen, eines wahrscheinlichen und eines pessimistischen Wertes ermittelt (z. B. durch Vergleiche mit ähnlichen Aktivitäten, durch nachvollziehbare Plausibilitätserwägungen oder durch eine Delphi-Umfrage). Diese Bereichsschätzung verdeutlicht der verantwortlichen Projektleitung die Unsicherheit, die der getätigten Schätzungen zugrunde liegt und fungiert als Planungsrahmen für die akzeptable Erledigung des Projekts.

Bewährt ist hierbei die gewichtete 3-Punkt-Schätzung2, er ergibt sich durch:

Für jede Aktivität wird diese Bereichsschätzung auf der Basis von Personentagen durchgeführt und einer erwarteter Wert für die Kosten errechnet. Danach werden die einzelnen Varianzen ermittelt, summiert und daraus die Standardabweichung ermittelt. Die alls ist mit einem Tabellenprogramm kein Problem.

Auf diesem Wege ergibt sich für den in Abb. 1 gezeigten Fall ein Schätzwert von 173. Dieser Schätzwert wird oftmals als Orientierung für die zu erwartenden Projektkosten benutzt. Doch Vorsicht!

Abb. 1: Kostenschätzung mit den einzelnen Aktivitäten zugeordneten Kosten

Nun kommt die Normalverteilung ins Spiel. Die besondere Bedeutung der Normalverteilung beruht unter anderem auf dem zentralen Grenzwertsatz. Dem zufolge sind Schätzungen, die durch additive Überlagerung einer großen Zahl von unabhängigen Einflüssen entstehen, unter schwachen Voraussetzungen annähernd normalverteilt. Für unsere Kostenschätzung ergibt sich: Wir können gut genug argumentieren, dass unsere Schätzungen (mit ihren Fehlern) annähernd dieser Verteilung folgen. Unser eben ermittelter Schätzwert von 173 ist also der Mittelwert, der sich nur in 50% aller Fälle als richtig herausstellt.

Abb. 2: Orientierung der Kostenschätzung an der Standardnormalverteilung

Abb. 2 zeigt eine Normalverteilung, in der auf der x-Achse die Kosten und auf der y-Achse die Wahrscheinlichkeiten angegeben werden, mit denen die Kosten anfallen. Das Maximum der Normalverteilung liegt bei unserem Schätzwert, der als Mittelwert der Verteilung zu verstehen ist. Die Linien rechts und links davon kennzeichnen jeweils eine Standardabweichung. Für eine Normalverteilung gilt, dass in ca. 85% aller Fälle die zu erwartenden Kosten eine maximale Höhe von (Mittelwert plus Standardabweichung) haben.3

Für unsere Schätzung der Projektkosten mit einem Mittelweert von 173 und einer Standardabweichung von 53 ergibt sich somit: Mit einer Wahrscheinlchkeit von ca. 85% betragen die zu erwartenden Kosten (173 + 53) = 225. Sie sind somit ca. 38% höher als der allein mit mit der gewichteten 3-Punkt-Methode ermittelte Schätzwert.

Sollten Sie also für eine frühzeitige Präsentation über ein geplantes Projekt verantwortlich sein, ermitteln Sie die voraussichtliche Höhe der Investitionen zu einem frühen Zeitpunkt, in dem noch kaum wirklich messbare Größen verfügbar sind, mit der 3-Punk-Schätzung und den Werten der Normalverteilung. Damit werden Sie sehr frühzeitig realitätsnahe Aussagen über die voraussichtlich zu tragenden Kosten treffen.

 

  1. vgl.: Gartner, P. (1999): Die Drei-Punkt-Schätzmethode zur Kalkulation des Projektaufwands. In: Projektmanagement 4/99, S. 33 – 37 [↩]
  2. vgl.: Project Management Institut (Eds.)(2008): A Guide To The Project Management Body Of Knowledge (PMBOK® Guide), 4 Ed., Newtown, Pennsylvania, S. 173 [↩]
  3. vgl.: Georgii, H. O.(2009): Stochastik. Einführung in die Wahrscheinlichkeitstheorie und Statistik, 4. Aufl., Berlin [↩]

Methode und Problem

Warum scheitern bewährte Methoden in neuen Kontexten? Diese Frage stellen sich Führungskräfte immer wieder: Eine Vorgehensweise, die jahrelang funktioniert hat, versagt plötzlich. Der Grund liegt selten in der Methode selbst – sondern in einer fehlenden Passung zwischen Methode und Kontext.

Der Kontext entscheidet über den Erfolg. Eine Methode beschreibt ein begründetes, zielgerichtetes Vorgehen. Sie wurde für einen bestimmten Kontext entwickelt. Doch jede Methode stellt Anforderungen: Sie braucht bestimmte Ressourcen – Software, Fachwissen, Budget. Sie verlangt die Einhaltung von Normen und Standards. Sie richtet sich an eine definierte Zielgruppe mit spezifischen Bedürfnissen. Diese Anforderungen nennt man Anwendungsbedingungen. Sie definieren, in welchem Setting die Methode für welche Personen bei welchen Problemen funktioniert. Nur wenn diese Bedingungen erfüllt sind, entfaltet die Methode ihre volle Wirkung (siehe Abb. 1).

Abb. 1: Die Methode (M) mit ihren Anwendungsbedingungen

Jedes Problem entsteht in einem spezifischen Kontext. Ein Problem entsteht, wenn Wunsch und Wirklichkeit auseinanderklaffen – wenn Soll und Ist nicht übereinstimmen.1 Diese Diskrepanz entsteht durch konkrete Gegebenheiten der Situation. Diese Gegebenheiten nennt man Rahmenbedingungen. Rahmenbedingungen sind praktische Gegebenheiten, die in der gegebenen Situation entweder nicht beeinflusst werden können oder nicht beeinflusst werden sollen – die aber für die Zielerreichung relevant sind. Dazu zählen: die Eigenheiten der Situation, die verfügbaren Ressourcen (Informationen, Energie, Material), Zeit- und Budgetvorgaben sowie die Kompetenzen der Anwender. Rahmenbedingungen beeinflussen, wie wirksam eine Methode sein wird. Jedes Problem existiert also innerhalb gegebener Rahmenbedingungen (siehe Abb. 2).

Abb. 2: Die Problemsituation (P) innerhalb gegebener Rahmenbedingungen

Die Passung entscheidet. Der Erfolg einer Methode hängt davon ab, ob ihre Anwendungsbedingungen zu den aktuellen Rahmenbedingungen passen. Im Idealfall stimmen beide überein – oder passen zumindest gut genug zueinander. Doch die Praxis zeigt: Diese Passung ist keineswegs selbstverständlich. Oft sind die Anwendungsbedingungen zu restriktiv. Oder die Rahmenbedingungen beschränken die Anwendung der Methode.

Eine bewährte Methode versagt unter anderen Bedingungen. Eine Methode, die unter bestimmten Rahmenbedingungen stets erfolgreich war, kann unter anderen Bedingungen scheitern – selbst bei guter Informationslage und ausreichend Ressourcen. Ignoriert man die Anwendungsbedingungen, liefert die Methode falsche oder schädliche Ergebnisse. Passen die Rahmenbedingungen nicht zur Methode, entstehen Verzögerungen, Mehrkosten und Ineffizienz. Die Konsequenz: Eine Methode funktioniert nur dann erfolgreich, wenn sie gut genug zu den aktuell wirksamen Rahmenbedingungen passt (siehe Abb. 3).

Abb. 3: Die Passung von Anwendungsbedingungen und Rahmenbedingungen

Vor jeder Anwendung steht daher die Analyse der Rahmenbedingungen. Diese Analyse eröffnet drei Wege. Erstens: Die Methode anpassen. Man wählt eine geeignete Variante der Methode aus. Man modifiziert die Methode. Oder man entwickelt eine neue Variante. Zweitens: Die Rahmenbedingungen anpassen. Man stellt zusätzliche Ressourcen bereit. Man schafft nötige strukturelle Voraussetzungen. Man verändert den Zeitrahmen. Man schult die Anwender. Drittens: Eine andere Methode wählen. Man erkennt, dass eine andere Methode besser zu den aktuellen Rahmenbedingungen passt.

Diese Fähigkeit, das eigene Handeln und seine Auswirkungen vor der konkreten Handlung kritisch zu hinterfragen, heißt nennt man reflexive Handlungsfähigkeit.2 Sie markiert den Unterschied zwischen theoriebasiertem Wissen und praktischem Können3

Fazit
Erfolg erfordert Passung und Reflexion. Der Schlüssel zum erfolgreichen Methodeneinsatz liegt in der begründeten Passung von Anwendungsbedingungen und Rahmenbedingungen. Diese Passung zu gestalten erfordert ein tiefes Verständnis – sowohl der Methode als auch der praktischen Problemsituation.

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  1. Schönwandt, W. et. al. (Hrsg.)(2013): Komplexe Probleme Lösen – Ein Handbuch, Berlin [↩]
  2. Elsholz, U. (2002): Kompetenzentwicklung zur reflexiven Handlungsfähigkeit. In: Dehnbostel, P. et al. (Hrsg.): Vernetzte Kompetenzentwicklung. Alternative Positionen zur Weiterbildung, Berlin, S. 31–43. [↩]
  3. Klauser, F. (2010): Gebrauch und Anwenden von Wissen und Können. In: Nickolaus, R. et. al. (Hrsg.): Handbuch Berufs- und Wirtschaftspädagogik, Bad Heilbrunn, S. 69–7 [↩]

Konsistenz und Suffizienz in der BWL

Die traditionelle Betriebswirtschaftslehre (BWL) hat sich historisch auf die Optimierung von Prozessen und die (kurzfristige) Maximierung des Gewinns konzentriert. Fragestellungen wie „Wie optimieren wir Prozesse?“ oder „Wie treffen wir schnelle, gewinnmaximierende Entscheidungen?“ stehen im Fokus in der akademischen Lehre und der unternehmerischen Praxis. Dieses etablierte Paradigma stößt jedoch angesichts der immer drängendenderen globalen Herausforderungen wie Erderwärmung, Energiewende und Ressourcenknappheit an seine Grenzen.

Ein rein ökonomischer Fokus, der sich auf Effizienzsteigerungen beschränkt, erweist sich als unzureichend, um zukunftsfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln und ein nachhaltiges Wirtschaften zu gestalten. Eine grundlegende Transformation hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaftsweise ist unabdingbar.1 Diese Transformation dreht sich um drei fundamentale Foki im Denken, Urteilen und Handeln: Effizienz, Konsistenz und Suffizienz.

Während die traditionelle BWL ihren Fokus fast ausschließlich auf die Effizienz legt, werden die Konzepte von Konsistenz und Suffizienz kaum beachtet. Eine zukunftsfähige BWL, die ihren Anspruch auf gesellschaftliche Relevanz wahren möchte, hat angesichts der globalen Veränderungen die Konzepte von Konsistenz und Suffizienz sowohl in in ihre theoretischen Grundlagen als auch die dazugehörenden Lehrpläne zu integrieren. Nur werden zukünftige Entscheidungsträgerinnen ausgebildet, die Wertschöpfungsprozesse so gestalten, dass sie innerhalb der natürlichen Systemgrenzen operieren und einen langfristigen gesellschaftlichen Nutzen stiften.

1. Effizienz, Konsistenz und Suffizienz

1.1 Der Fokus der Effizienz

Effizienz zielt darauf ab, den Ressourcenverbrauch pro Produkt oder Dienstleistung zu reduzieren. Ihr Kernprinzip „mehr aus weniger machen“ wird oft durch technologische Innovationen realisiert. Dieser Fokus ist in der Betriebswirtschaft weit verbreitet und erweist sich als kostensparend und finanziell vorteilhaft.2 Beispiele reichen von energieeffizienten Kühlschränken und Waschmaschinen bis hin zur Digitalisierung von Prozessen und Lieferketten, die überflüssige Transportwege vermeiden.

Trotz ihres wirtschaftlichen Nutzens stößt dieses Vorgehen heute an systemische Grenzen. Die gravierendste Schwachstelle ist der sogenannte Rebound-Effekt, bei dem die durch Steigerung der Effizienz erzielten Einsparungen ganz oder teilweise wieder aufgehoben werden.3 Es lassen sich verschiedene Arten des Rebound-Effekts unterscheiden:

  • Der direkte Rebound: Reduzierte Kosten für die Nutzung eines effizienteren Produkts führen zu einer erhöhten oder intensiveren Nutzung desselben. Ein sparsameres Auto mit geringeren Treibstoffkosten kann beispielsweise dazu führen, dass längere Strecken zurückgelegt oder das Auto häufiger anstelle öffentlicher Verkehrsmittel genutzt wird.4
  • Der indirekte Rebound: Das durch Effizienzgewinne eingesparte Geld wird für andere, oft ressourcenintensive Produkte oder Dienstleistungen ausgegeben. So könnte das durch den sparsameren Kühlschrank oder die effizientere Heizung eingesparte Budget für eine Flugreise verwendet werden, was den ursprünglichen Einspareffekt kompensiert und den persönlichen CO2-Fußabdruck sogar erhöht.3
  • Der gesamtwirtschaftliche Rebound: Auf der makroökonomischen Ebene führen die Effizienzsteigerungen zu sinkenden Produktionskosten und damit zu einer gesteigerten Nachfrage nach Produkten. Daraus folgt ein insgesamt erhöhter absoluter Energie- und Ressourcenverbrauch, wodurch die anfänglichen Einsparungen auf nationaler oder globaler Ebene nicht realisiert werden.3

Der Rebound-Effekt demonstriert, dass eine alleinige Fokus auf die Steigerung der Effizienz die Annahme ad absurdum führt, technologische Fortschritte würden automatisch zu absoluten Ressourceneinsparungen führen. Insofern können ökonomische Anreize zur Kostensenkung das Potenzial für eine tatsächliche Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch in Frage stellen. Um die Problematik des Rebound-Effekts an der Wurzel zu bekämpfen, wird das Konzept der Suffizienz als notwendiges Gegengewicht diskutiert.5

1.2 Der Fokus der Suffizienz

Suffizienz zielt auf eine absolute Reduzierung des benötigten Ressourcenverbrauchs ab. Im Gegensatz zu Effizienz und Konsistenz, die oft technologische Lösungen in den Vordergrund stellen, zielt Suffizienz hingegen letztlich auf Verhaltensänderungen und alterntive Lebensstile ab. Es geht um den bewussten Umgang mit der Frage, was man wirklich braucht, um ein “gutes Leben” zu führen. Dies kann sich in Entscheidungen manifestieren, wie die Nutzung des Fahrrads statt des Autos für kurze Wege oder die Reduzierung des Fleischkonsums.

Der Fokus der Suffizienz oft eher kritisch betrachtet, da bestehende Gewohnheiten und das Wachstumsdogma hinterfragt werden.6 Dennoch ist er als notwendiger Baustein einer umfassenden Nachhaltigkeitsstrategie anzusehen. denn er setzt dort an, wo Effizienz und Konsistenz an ihre Grenzen stoßen.2 Bewusste Suffizienz kann als Multi-Solving-Strategie fungieren, die neben dem Umweltschutz auch positive Effekte wie soziale Gerechtigkeit, finanzielle Entlastung von Haushalten und eine verbesserte Lebensqualität ermöglicht.5

1.3 Der Fokus der Konsistenz

Die Konsistenz strebt danach, die Wertschöpfungsprozesse an natürlichen Kreisläufen auszurichten. Ihr Ziel ist die Schaffung geschlossener Stoffkreisläufe, in denen Produkte und Materialien bestmöglich wiederverwendet oder recycelt werden und damit die Umwelt so wenig wie möglich zu schädigen. Dieser Fokus basiert auf der Entwicklung naturverträglicher Technologien und Strukturen, die die Leistungen der Ökosysteme innerhalb vertretbarer Grenzen nutzen, ohne sie zu zerstören.7 Beispiele sind die Nutzung erneuerbarer Energien oder die Entwicklung von biologisch abbaubaren Produkten.

Der Fokus der Konsistenz wird sowohl als grundlegenderer als auch systemgerechterer Ansatz als die reine Fokus auf Effizienz betrachtet, da auf eine qualitative Veränderung der Stoff- und Energieströme abgezielt wird.2 Dies wird in der Praxis umgesetzt mit Konzepten wie der Kreislaufwirtschaft (Circular Economy), die das lineare „take-make-waste“-Modell überwinden will.8Die Kreislaufwirtschaft zielt darauf ab, den Wert von Rohstoffen und Produkten so lange wie möglich zu erhalten und sie effizient zu nutzen. Sie stärkt zudem die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft, indem sie die Abhängigkeit von knappen Primärrohstoffen reduziert.

1.4 Synergetische Wechselwirkungen

Die drei Foki der Effizienz, Konsistenz und Suffizienz stehen in synergetischer Wechselwirkung zueinander. Eine rein auf Effizienz fokussierte BWL ist anfällig für Rebound-Effekte und reicht nicht mehr aus, um eine nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten. Konsistenz erfordert eine entsprechende technologische Basis, während Suffizienz die gesellschaftliche Akzeptanz und die richtigen Rahmenbedingungen benötigt.7

Nur in einer bewusst gestalteten Kombination können diese drei Foki eine nachhaltige Transformation ermöglichen und zugleich verhindern, dass Effizienzgewinne durch steigenden Konsum wieder zunichtegemacht werden. Die traditionelle BWL tut also gut daran, ihren Fokus der Effizienz um Konzepte der Konsistenz und der Suffizienz zu erweitern, wenn sie den aktuellen Herausforderungen gerecht werden möche.

2. Betriebswirtschaftliche Entscheidungsfindung

2.1 Traditionelle Entscheidungsmodelle und ihre Grenzen

Die traditionelle betriebswirtschaftliche Ansicht der Entscheidungsfindung basiert primär auf dem Kriterium der eher kurzfristigen Rentabilität und der Optimierung von ökonomischen Metriken.9 Die entscheidende Schwäche dieses Ansatzes ist die Vernachlässigung der langfristigen Auswirkungen auf Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft. (Wenn viele Betriebe immer mehr Grundwasser entnehmen, kommt es zur Absenkung des Grundwassers. Flora und Faune verkümmern. Die Lebensqualität sinkt und die Pumpleistung der Brunnen ist immer weiter zu erhöhen, was zu steigenden Kosten führt.) Die drängenden Herausforderungen der Gegenwart erfordern jedoch das bewusste Gestalten von Entscheidungsprozessen, die nicht mehr allein auf kurzfristige Finanzkennzahlen aufbauen. Stattdessen sind gleichgewichtig auch ökologische, soziale und ethische Kriterien in die Entscheidungsfindung zu integrieren.

2.2 Multikriterielles Entscheiden als Weg

Im Gegensatz zu traditionellen Entscheidungsverfahren, die eine hohe Verdichtung der Maßgrößen anstreben und somit die problemrelevante Komplexität reduzieren , können mit multikriterielle Entscheidungsmethoden10 mehrere (sogar konfliktäre) Ziele parallel verfolgt und in die Lösung eines Problems einbezogen werden. In einem solchen Vorgehen können sowohl objektive (z. B. der Preis eines Autos) als auch subjektive (z. B. die Anmutung des Autos) Kriterien berücksichtigt werden.11

Die Anwendung multikriterieller Methoden erfordert die Offenlegung und Strukturierung der entscheidungsrelevanten Kriterien. Es ist transparent zu machen, welche Ziele verfolgt, welche Kriterien bewertet und welche Präferenzen wie gewichtet werden. Diese Transparenz ist entscheidend für die Akzeptanz des Verfahrens und seines Resultates bei Anwendern und Stakeholdern.10

Die Integration von Konsistenz und Suffizienz in die betriebswirtschaftliche Entscheidungslehre transformiert somit eine Entscheidungsfindung von einer rein finanziellen Optimierung hin zu einer multikriteriellen und ethischen Problembearbeitung. Erzielte Resultate werden anhand verschiedener (gewichteter) Kritieren abgeleitet, oft werden Kompromissse zwischen verschiedenen Optima einzelner Kriterien eingefordert.9

2.3 Entscheidungskriterien der Konsistenz und der Suffizienz

Die bewusste Integration von Kriterien der Konsistenz und der Suffizienz in die multikriterielle Entscheidungsfindung ist keine additive Maßnahme, sondern vielmehr eine grundlegende Neuorientierung. Sie verschiebt den Fokus von der reinen Optimierung von rein ökonomischen Kennzahlen hin zu einer umfänglichen, mehrdimensionalen Bewertung.

Die Integration von Konsistenzkriterien (z. B. Rückgewinnung verbrauchter Ressourcen oder Minimierung von Abfall) berücksichtig bei der Entscheidungsfindung die Einhaltung natürlicher Systemgrenzen und die Gestaltung geschlossener Stoffkreisläufe als Beurteilungsmaßstab. Dies bedeutet, dass bei der Wahl von Handlungsoptionen wiederverwertbare, recycelten oder erneuerbaren Materialien priorisiert werden.12 Darüber hinaus spielen die Reparierbarkeit und die Langlebigkeit von Produkten ebenso eine entscheidende Rolle in der Bewertung von Alternativen.13

Die Integration von Suffizienzkriterien verschiebt den Fokus von der Effizienzoptimierung hin zu Fragen der grundlegenden Reduktion. In der Entscheidungsfindung werden Kriterien wie die Reduzierung des Gesamtverbrauchs, die Förderung geteilter Nutzung (Sharing Economy) und der bewusste Verzicht auf überflüssige Funktionen oder Gadgets integriert.14

Das Benutzen von Entscheidungskriterien der Konsistenz und der Suffizienz ermöglicht es, statt Entscheidungen nach Rentabilität treffen zu müssen, verstärkt die langfristigen Wirkungen der Entscheidung auf Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft in die Bewertung mit einzubeziehen. Aus einer traditionellen Entscheidungsfindung wird somit eine Kompromissfindung, in der auch komplexe, zum Teil widersprüchliche Zusammenhänge zu bewerten sind.10

3. Die zukunftsfähige Organisation

Das traditionelle Organisationsdesign strebt danach, die „effizienteste Organisationsstruktur“ zu finden. Dies wird durch die strukturelle Verankerung der Aufbau- und Ablauforganisation an der formulierten Strategie erreicht, um definierte Effizienz- und Wachstumsziele zu operationalisieren.15 Eine Organisation, die sich den Herausforderungen des Anthropozäns stellen will, hat ihre Mission hin zur Lösung gesellschaftlicher Probleme innerhalb planetarer Grenzen zu verschieben. Dies erfordert eine grundlegende Reorganisation, um Aspekte der Konsistenz und der Suffizienz in die Organisationsstruktur zu integrieren.

3.1 Konsistenz als Leitprinzip der Organisation

Die Umsetzung des Fokus auf Konsistenz erfordert insbesondere hinsichtlich der Anlehnung an eine Kreislaufwirtschaft eine fundamentale Umstellung vieler interner Prozesse. Etablierte lineare Geschäftsmodelle sind mit neuen organisationalen Fähigkeiten anzureichern, um zirkuläre Geschäftsmodelle zu realisieren.16 Solche Geschäftsmodelle basieren auf der regenerativen Nutzung von Produkten, Komponenten und Materialien in möglichst hoher Qualität.17 Dazu gehören:

  • Product-as-a-Service (PaaS): Anstatt Produkte zu verkaufen, wird das Eigentum behalten und die Nutzung des Produkts als Dienstleistung angeboten.12 Dies schafft einen Anreiz, Produkte langlebiger zu gestalten, zu warten und am Ende ihres Lebenszyklus wieder aufzubereiten.18 Ein Beispiel dafür ist Philips, das Beleuchtung als Service anbietet.19
  • Remanufacturing: Gebrauchte Produkte werden industriell so aufgearbeitet, dass sie eine Qualität erreichen, die der von Neuprodukten entspricht oder sogar übertrifft.20 Dies ergibt radikale Ressourcen- und Kosteneinsparungen von bis zu 85 % im Vergleich zur Neuproduktion. Beispiele finden sich in der Automobilbranche (z.B. Renaults „Refactory“) und im Bereich der Messtechnik.20
  • Take-Back-Systeme: Die Rücknamhe von Produkten am Ende ihrer Lebensdauer, um sie wiederzuverwerten oder neu zu fertigen reduziert Deponieabfälle und ermöglichen es, alternative Rohstoffquellen zu erschließen und Kosten zu senken, wie das Beispiel Xerox zeigt, das durch ein Rücknahmeprogramm über 200 Millionen Dollar pro Jahr einspart.21

Die Implementierung dieser Modelle ist kein isoliertes Projekt, sondern transformiert die gesamte Wertschöpfungskette und die Beziehung zum Kunden.16 Sie erfordert eine Anpassung interner Prozesse, eine Neugestaltung der Lieferketten (z. B. Retrologistik), der Anreizsysteme und der Unternehmenskultur, um die neuen Wertströme zu verankern.19

3.2 Suffizienz als Leitpriunzip der Organisation

Suffizienz erfordert individuelles Verhalten und unternehmerische Rahmenbedingungen, die eine Reduktion des Verbrauchs fördern.5 Organisationen haben Strukturen zu schaffen, mit denen sie Wert in der Reduktion von Ressourcenverbrauch generieren, anstatt im Verkauf von immer mehr Produkten. Dazu gehören:

  • Sharing Economy & Kollaborationsplattformen: Ein zentrales suffizienzbasiertes Geschäftsmodell ist die Sharing Economy, die den Zugang gegenüber dem Eigentum priorisiert.22 Plattformen wie Car-Sharing-Dienste oder Fahrradverleihsysteme erhöhen die Nutzungsintensität von Gütern und reduzieren so den Bedarf an neuen Produkten.12
  • Design für Langlebigkeit und Reparatur: Das Organisationsdesign richtet die Produktentwicklung so aus, dass die angebotenen Produkte langlebiger, reparierbarer und modularer werden.13 Es sind Anreize schaffen, die Kriterien wie Kundenzufriedenheit und Reparaturfähigkeit in den Vordergrund stellen, anstatt allein auf Umsatzwachstum zu setzen.
  • Digitale und kulturelle Integration: Die Organisationskultur kann Suffizienz in den täglichen Abläufen verankern. Dies kann durch die Einführung papierloser Büros, die Förderung nachhaltiger Mobilität für Mitarbeiter (z. B. Car-Sharing) oder Anreizsysteme geschehen, die ressourcenschonendes Verhalten belohnen. Die Digitalisierung kann hierbei unterstützen, indem sie beispielsweise die Auslastung von Transportmitteln optimiert und Lieferketten transparent macht.23

Die Implementierung dieser suffizienzbasierten Ansätze in das Organisationsdesign erfordert einen grundlegenden Bruch mit der traditionellen gewinnmaximierenden Logik der BWL, die auf stetig steigendem Konsum beruht.7

4. Erneuerung der BWL-Ausbildung

Die unausweichliche Transformation zur Nachhaltigkeit stellt Unternehmen vor große Herausforderungen. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMUs), die oft keine eigenen Nachhaltigkeitsabteilungen haben, leiden unter einem Mangel an Know-how. Die Praxis sucht daher dringend nach umfassend ausgebildeten jungen Fachkräften, die neben ihrem ökonomischen Basiswissen auch methodische und inhaltliche Kompetenzen im Bereich der Nachhaltigkeit mitbringen.1

Hochschulen reagieren auf diese Nachfrage mit neuen Studiengängen wie “Nachhaltige Betriebswirtschaftslehre” oder “Sustainability in Business & Economics”. Diese Lehrpläne integrieren ökonomische, ökologische und soziale Aspekte in alle betrieblichen Bereiche, von Marketing über Logistik bis hin zu Finanzen und Controlling.24 Sie lehren nicht nur, wie Unternehmen ressourcenschonend geführt werden können, sondern auch, wie feste Betriebsstrukturen kritisch hinterfragt und Abläufe optimiert werden, um der wachsenden sozialen Verantwortung gerecht zu werden.23

Die Rolle der zukunftsfähigen Führungskraft wandelt sich. Die neuen Anforderungen spiegeln sich beispielsweise im Berufsbild des Nachhaltigkeitsmanagers wider. Führungskräfte benötigen eine Kombination aus technischem Wissen, strategischem Denken, Innovationskraft, Projektmanagement-Fähigkeiten und eine starke kommunikative Kompetenz. Sie haben komplexe Probleme zu lösen und dabei zugleich ökonomische, soziale und ethische Kriterien bei der Wahl von Handlungsmöglichkeiten heranzuziehen.25

Die Integration von Suffizienz und Konsistenz in die BWL erfordert die Fähigkeit, über das reine Profitdenken hinauszugehen und verschiedene Stakeholder-Perspektiven (z.B. Mitarbeiter, Kunden, Vertreter spezieller Anspruchsgruppen, die lokale Gemeinschaft und die Umwelt) zu berücksichtigen.9 Der Wandel in der BWL-Ausbildung ist daher nicht nur eine Reaktion auf neue Anforderungen. Sie ist eine Voraussetzung, um zukünftige Führungskräfte zu befähigen, die sich abzeichnenden, zunehmend unüberschaubaren Herausforderungen zu meistern.24

Eine erneuerte BWL mit den Foki Effizienz, Konsistenz und Suffizienz zeigt nachvollziehbare, lehrbare Wege auf, wie Wohlstand und Wohlbefinden neu definiert wird und wie man sich dabei vom Paradigma des unendlichen Wachstums löst. Damit bleibt die BWL nicht nur relevant, sondern wird zu einem entscheidenden Akteur im Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft.

5. Eine zukunftsfähige BWL

Eine Betriebswirtschaftslehre, die sich weiterhin primär auf die Effizienzstrategie beschränkt, wird ihre gesellschaftliche Relevanz verlieren. Um den unweigerlich auftretenden systemischen Rebound-Effekten zu begegnen und den Anforderungen der planetaren Grenzen gerecht zu werden, hat die moderne BWL die Konzepte von Konsistenz und Suffizienz als gleichwertige strategische Foki anzuerkennen und zu integrieren.7 Dies erfordert u. a. eine grundlegende Transformation der beiden zentralen BWL-Lehrbereiche:

  • Die Entscheidungsfindung hat sich von dem einkriteriellen Fokus auf die kurzfristige Rentabilität zu lösen und multikriterielle Verfahren anzuwenden, die verschiedenste Kriterien integratv verwenden und damit ökologische, soziale und ethische Aspekte berücksichtigen.
  • Das Organisationsdesign ist grundlegend so auszurichten, das es zirkuläre (z.B. Remanufacturing) und suffizienzbasierter Geschäftsmodelle (z.B. Sharing Economy) realisieren hilft.12 Dazugehörige Anreizsysteme gehen weg von der reinen Steigerung des Umsatzes hin zur Reduktion des Ressourcenverbrauchs.

Abb. 1: Die Zukunftsfähige BWL

Die Transformation der BWL ist somit keine Option, sondern eine zwingende Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen. Der nötige Wandel bietet der BWL die Chance, ökonomischen Erfolg mit gesellschaftlicher und ökologischer Verantwortung zu vereinen.19 Eine so erweiterte und neu definierte BWL wird dazu beitragen, eine Wirtschaft zu gestalten, die Wohlstand ermöglicht, ohne dabei die natürlichen Lebensgrundlagen zu zerstören.26

Referenzen
(Durch Mehrfachnennungen in den Quellen erfolgt keine fortlaufende Nummerierung)

  1. Sustainability in Business & Economics an der WFI – KU – Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Zugriff am August 21, 2025, https://www.ku.de/studienangebot/sustainability-in-business-economics [↩] [↩]
  2. Effizienz, Konsistenz, Suffizienz. Strategieanalytische Betrachtung für eine Green Economy. – ResearchGate, Zugriff am August 21, 2025, https://www.researchgate.net/publication/328065606_Effizienz_Konsistenz_Suffizienz_Strategieanalytische_Betrachtung_fur_eine_Green_Economy [↩] [↩] [↩]
  3. Rebound Effekt einfach erklärt – Vattenfall, Zugriff am August 21, 2025, https://www.vattenfall.de/glossar/rebound-effekt [↩] [↩] [↩]
  4. Rebound-Effekte – Umweltbundesamt, Zugriff am August 21, 2025, https://www.umweltbundesamt.de/themen/abfall-ressourcen/oekonomische-rechtliche-aspekte-der/rebound-effekte [↩]
  5. Suffizienzpolitik als Booster zum Erreichen der Klimaschutzziele – Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, Zugriff am August 21, 2025, https://wupperinst.org/fa/redaktion/downloads/publications/ZI27_Suffizienz.pdf [↩] [↩] [↩]
  6. https://www.relaio.de/wissen/suffizienz-konsistenz-und-effizienz-drei-wege-zu-mehr-nachhaltigkeit/, zugriff am August 21, 2025 [↩]
  7. Suffizienz, Konsistenz und Effizienz – Drei Wege zu mehr Nachhaltigkeit – relaio.de, Zugriff am August 21, 2025, https://www.relaio.de/wissen/suffizienz-konsistenz-und-effizienz-drei-wege-zu-mehr-nachhaltigkeit/ [↩] [↩] [↩] [↩]
  8. Geschäftsmodelle für zirkuläres Bauen – Gebäudeforum klimaneutral, Zugriff am August 21, 2025, https://www.gebaeudeforum.de/wissen/nachhaltiges-bauen-und-sanieren/zirkulaeres-bauen/geschaeftsmodelle/ [↩]
  9. Entscheidungsfindung: Methoden & Ethik – StudySmarter, Zugriff am August 21, 2025, https://www.studysmarter.de/studium/bwl/unternehmensfuehrung-studium/entscheidungsfindung/ [↩] [↩] [↩]
  10. Entscheidungsverfahren zur Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung – Qucosa – TU Dresden, Zugriff am August 21, 2025, https://tud.qucosa.de/api/qucosa%3A24088/attachment/ATT-0/?L=1 [↩] [↩] [↩]
  11. Leitfaden zur Anwendung von Methoden der multikriteriellen Entscheidungsunterstützung – Universität Göttingen, Zugriff am August 21, 2025, https://www.uni-goettingen.de/de/document/download/285813337d59201d34806cfc48dae518-en.pdf/MCDA-Leitfaden-PROMETHEE.pdf [↩]
  12. Zirkuläre Geschäftsmodelle – Fraunhofer IPK, Zugriff am August 21, 2025, https://www.ipk.fraunhofer.de/de/kompetenzen-und-loesungen/industrietrends/kreislaufwirtschaft/zirkulaere-geschaeftsmodelle.html [↩] [↩] [↩] [↩]
  13. Produkte länger nutzen | Umweltbundesamt, Zugriff am August 21, 2025, https://www.umweltbundesamt.de/umwelttipps-fuer-den-alltag/uebergreifende-tipps/produkte-laenger-nutzen [↩] [↩]
  14. Suffizienz in der Praxis – Beispiele wie ein zukunftsfähiges Leben heute anfängt – IFEU, Zugriff am August 21, 2025, https://www.ifeu.de/fileadmin/uploads/Praxis-Handbuch.pdf [↩]
  15. Was ist Organisationsdesign? – Ingentis, Zugriff am August 21, 2025, https://www.ingentis.com/de/knowledge/organisationsdesign/ [↩]
  16. Generator für zirkuläre Geschäftsmodelle – VDI ZRE, Zugriff am August 21, 2025, https://www.ressource-deutschland.de/werkzeuge/loesungsentwicklung/generator-fuer-zirkulaere-geschaeftsmodelle/ [↩] [↩]
  17. Zehn Thesen, wie digitale Geschäftsmodelle Nachhaltigkeit in der Industrie 4.0 fördern, Zugriff am August 21, 2025, https://www.plattform-i40.de/IP/Redaktion/DE/Downloads/Publikation/Thesen-Nachhaltigkeit-Geschaeftsmodelle.pdf?__blob=publicationFile&v=1 [↩]
  18. Product as a Service (PaaS): Everything You Need to Know in 2025. – circuly, Zugriff am August 21, 2025, https://www.circuly.io/blog/product-as-a-service-everything-you-need-to-know [↩]
  19. Zukunft der Produktion: Wie die Kreislaufwirtschaft Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit vereint – TÜV Rheinland Akademie, Zugriff am August 21, 2025, https://akademie.tuv.com/blog/produktion-kreislaufwirtschaft-nachhaltigkeit/ [↩] [↩] [↩]
  20. Remanufacturing als Produktion des 21. Jahrhunderts – Business Upper Austria, Zugriff am August 21, 2025, https://www.biz-up.at/artikel/remanufacturing-als-produktion-des-21-jahrhunderts [↩] [↩]
  21. Take-back system – Wikipedia, Zugriff am August 21, 2025, https://en.wikipedia.org/wiki/Take-back_system [↩]
  22. Sharing Economy: Definition, Beispiele und Vorteile! [2025] – Asana, Zugriff am August 21, 2025, https://asana.com/de/resources/sharing-economy [↩]
  23. Nachhaltige BWL – Studiengänge – Hochschule Magdeburg-Stendal, Zugriff am August 21, 2025, https://studieren.h2.de/studiengaenge/bachelor/nachhaltige-betriebswirtschaftslehre [↩] [↩]
  24. Betriebswirtschaft – Nachhaltigkeitsmanagement – Technische Hochschule Mittelhessen, Zugriff am August 21, 2025, https://www.thm.de/site/studium/unsere-studienangebote/betriebswirtschaft-nachhaltigkeitsmanagement.html [↩] [↩]
  25. Nachhaltigkeitsmanager: Aufgaben, Gehalt & Karriere | BWL Berufe, Zugriff am August 21, 2025, https://www.munich-business-school.de/l/bwl-berufe/nachhaltigkeitsmanager [↩]
  26. Circular Economy Model Germany – WWF Deutschland, Zugriff am August 21, 2025, https://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/Unternehmen/WWF-model-germany-circular-economy.pdf [↩]

Einführung in das systemische Controlling

Das schon 2015 auf den Markt gekommene Buch hat bislang leider viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Dabei bietet es genau das, was der Titel verspricht: eine Einführung in das systemisch verstandene Controlling. Es hebt sich wohltuend von der traditionellen betriebswirtschaftlichen Controllingliteratur ab, richtet sich an Leser mit einem traditionellen Controllingverständnis und führt in Denkweisen des systemischen Controllings ein.

Am Anfang bietet das Buch eine strukturierte Einführung in die Grundlagen des Controllings. Diese konzeptionelle Basis mündet in einer systematischen Darstellung der vielfältigen Handlungsfelder des Controllings. Bereits in diesem Abschnitt zeigt sich die Sensibilität des Autors für die funktionale Differenzierung betrieblicher Subsysteme. Dann beginnt der eigentliche Paradigmenwechsel. Klassische Controllingkonzepte und moderne Ansätze wie die Balanced Scorecard werden kritisch analysiert, um daran anschließend ein systemisches Verständnis von Controlling zu entwickeln.

Diese analytisch sauber gearbeitete Überleitung schafft den theoretischen Raum für die anschließende fundierte Darstellung systemtheoretischer Grundlagen wie Autopoiesis, operative Geschlossenheit, strukturelle Kopplung und Beobachtung zweiter Ordnung. Diese systemtheoretischen Konzepte werden erklärt und konsequent auf die Funktion des Controllings in Organisation(seinheit)en bezogen. Dabei ist die vergleichende Gegenüberstellung von Linearität und Zirkularität theoretisch differenziert und in ihrer praktischen Relevanz erkennbar.

Anschließend wird das systemische Verständnis von Steuerung konkretisiert und erklärt, warum Steuerung in sozialen Systemen nicht direktiv, sondern nur kontextuell möglich ist und wie das Controlling zur Kontextsteuerung beitragen kann. Und zwar ohne in einen direkten Kausalitätsglauben zu verfallen. Dazu werden zentrale Leitdifferenzen im systemisch verstandenen Controlling skizziert: Beobachtung versus Selbstbeobachtung, Ergebnis- versus Prozessorientierung oder Hierarchie versus Partizipation. Die skizzierten Dichotomien machen die Ambivalenz organisationaler Steuerung sichtbar.

Controlling wird so zu einer Beobachtungseinheit, die nicht in der klassischen Logik des „Controller als interner Berater“ verbleibt, sondern vielmehr zu einem reflexiven Ermöglicher von Lern- und Entwicklungsprozessen weiterentwickelt wird. Der Theorie sozialer Systeme folgend werden hierbei Führung, Organisationsentwicklung und Controlling als strukturell gekoppelte, operativ geschlossene Kommunikationssysteme verstanden. Der Controller ist weniger „Zahlenlieferant“ oder „interner Berater“, sondern ein Kommunikator zwischen unterschiedlichen, strukturell gekoppelten Funktionssystemen vermittelt. Der Controller hat dabei keineswegs die Aufgabe, sie Wirklichkeit „objektiv wahrheitsgemäß“ zu erheben und zu dokumentieren. Stattdessen soll er Controlling zielorientierte organisationsinterne Anlässe schaffen für an bestimmten Leitdifferenzen orientierte Beobachtungen und Kommunikationen.

Den Schlusspunkt bildet ein Kapitel mit 12 kurz dargelegten Erfolgsrezepten. Controlling wird dabei keineswegs als bloßes methodisches Handwerk verstanden. Eher ist es eine Haltung, die geprägt ist von Zweifel, Neugier, Ambiguitätstoleranz und Nichtwissen als Ressource. Es gilt, über die Kennzahlen hinaus einen Blick unter die Oberfläche des Geschehens zu bekommen.

Abb. 1: Controlling erfordert auch den Blick unter die Oberfläche
Quelle: Bauer, G. (2015), Abb. 7 auf S. 101

Ausgehend von einer traditionellen Controlling-Lehre, rückt das Buch allmählich immer deutlicher von der Vorstellung der Organisation(seinheit) als eine steuerbare Einheit ab. Stattdessen wird das Konzept der operativen Geschlossenheit sozialer Systeme in den Vordergrund gerückt. Demnach sind Organisation(seinheit)en keineswegs durch externe Eingriffe steuerbar, denn sie können nur durch intern anschlussfähige Kommunikation operieren. Daraus ergibt sich eine fundamentale Neupositionierung des Controllings: Statt Steuerung geht es um eine Beobachtung (zweiter Ordnung), die Aushandlungsprozesse von Bedeutungskernen in der Organisation(seinheit) strukturiert und füreinander anschlussfähige Kommunikationen bereitstellt.

Insgesamt ist das Buch ein Plädoyer für einen Paradigmenwechsel im Controlling. Weg von einem linear-kausalen Steuerungsmodell hin zu einem kommunikativen Verständnis von Beobachtung, das der komplexen Realität moderner Organisation(seinheit)en besser gerecht wird. Es ist ein inhaltlich reiches, theoretisch manchmal anspruchsvolles und gleichzeitig praxisrelevantes Buch. Auf nur 127 Seiten eröffnet es einen neuartigen Zugang zum Controlling als funktionalen Bestandteil sozialer Systeme. Für Controller, die bereit sind, über Zahlen hinaus zu denken, und für Organisationen, die Steuerung als Kommunikationsprozess verstehen, ist dieses Buch ein Meilenstein.

Bauer, G. (2015):
Einführung in das systemische Controlling
Heidelberg: Carl Auer
ISBN: 978-3849700768

Zusammen entscheiden

In einer Welt voller Veränderungen sind gute Entscheidungen ein Schlüssel zum Erfolg. Doch oft scheitern Teams daran, ihre Sichtweisen und Meinungen in einem gemeinsamen Beschluss zu vereinen. „Zusammen entscheiden“ widmet sich diesem Kernproblem und liefert wertvolle Werkzeuge, um die Qualität gemeinsamer Entscheidungen zu steigern.

Dieses Buch ist ein Praxisratgeber, der Führungskräften und Teams Schritt für Schritt hilft. Die Autorinnen haben Methoden gesammelt, die sich im Arbeitsalltag bewährt haben, um Gruppenprozesse zu lenken und Meinungsunterschiede produktiv zu nutzen. Die klaren Rezepte stammen von 13 Beratern, die mit ihren Ansätzen praxiserprobte Lösungen präsentieren.

Jeder Beitrag des Buches folgt einer klaren Struktur: Wichtige Grundkomponenten wie Beteiligte, Ausgangsfragen und benötigte Materialien werden zunächst umrissen. Danach wird das methodische Vorgehen Schritt für Schritt beschrieben. Die Anleitungen sind kurz und prägnant, ergänzt durch hilfreiche Beispiele und Tipps, die Lesern den Einstieg in die Praxis erleichtern.

Ein besonderes Highlight sind die zahlreichen Tipps und Tricks, die den Lesern helfen, die vorgestellten Methoden erfolgreich anzuwenden. Alle Beiträge betonen die Wichtigkeit einer offenen und wertschätzenden Kommunikation und zeigen, wie unterschiedliche Perspektiven in den gemeinsamen Entscheidungsprozess integriert werden können.

Besonders gelungen ist die Einteilung der Entscheidungsprozesse in fünf Phasen. Der erste Schritt ist die Klärung, ob eine Entscheidung nötig ist und wie sie konkret aussieht. Danach wird eine detaillierte Vorlage erstellt, um eine fundierte Entscheidung zu treffen. Die Entscheidung selbst wird daraufhin genau vorbereitet und methodisch umgesetzt, bevor sie in die Praxis übergeht. Schließlich wird der Prozess reflektiert, um für die Zukunft zu lernen.

Ob bekannte Ansätze wie die SWOT-Analyse, agile Werkzeuge wie die Widerstandsabfrage oder innovative Modelle wie die DecisioMap – die Methoden im Buch helfen, jede Perspektive im Team zu berücksichtigen. So schafft das Werk Strukturen, die alle Beteiligten gleichwertig einbeziehen und ihren Argumenten Raum geben.

„Zusammen entscheiden“ ist ein fundierter und praxisorientierter Leitfaden, der den Entscheidungsprozess transparent und effizient gestaltet. Der handfeste Ratgeber wendet sich an alle, die in oder mit Teams an der gemeinsamen Herleitung tragfähiger Entscheidungen arbeiten. Die gebotenen Anleitungen sind praktisch, die Tipps sind sofort umsetzbar und die Struktur der Vorgehensweisen passt in die moderne Arbeitswelt. Dieses Buch ist für alle, die komplexe Situationen alleine oder mit anderen zusammen klar durchdenken und umsetzen wollen.

Delius, S./Strobel, C. (2024):
Zusammen entscheiden. Tools, Anleitungen, erprobte Rezepte
Carl-Auer: Heidelberg
ISBN: 978-3-8497-0524-4

Intercultural Leadership

In an era where global interactions are becoming the norm, effective intercultural communication has become a critical skill. Intercultural Leadership challenges conventional views on leadership and intercultural competence by offering a fresh, humanistic approach. Rather than viewing cultural differences as merely a universal phenomenon, the book encourages readers to delve deeper into the psychological and behavioral aspects of intercultural encounters.

The book is divided into three parts: Part I examines the psychological processes involved in intercultural interactions. Part II focuses on the behavioral determinants of intercultural communication. Part III explores the social environment and how we perceive cultural differences. Throughout the book, the author provides practical insights and examples to illustrate the theoretical concepts. The chapters cover a wide range of topics, including motivation, attitudes, trust creation, and facework.

The book begins with a fundamental shift in perspective: the idea that successful intercultural interaction starts with introspection. This emphasis on looking inward sets the tone for the first section, which explores how intercultural exchanges trigger psychological processes. In the second section, the focus shifts to behavioral determinants—how individuals act and react in cross-cultural settings. The third part broadens the scope to consider the influence of our social environments on cultural dynamics, exploring how we interpret and navigate differences in everyday life.

A unique feature of this book is its integration of humanistic principles. It fosters genuine curiosity and appreciation for other cultures, encouraging readers to move beyond simple cultural adaptation toward meaningful relationships. This philosophy runs throughout the book’s chapters, which include explorations of key topics such as emotional and motivational aspects of intercultural encounters, the role of trust, and strategies for conflict resolution and team building.

The practical value of Intercultural Leadership is particularly noteworthy. With detailed discussions on how to overcome language barriers, avoid misunderstandings, and manage cultural conflicts, the book equips readers with actionable strategies. It is especially valuable for managers working in international teams or organizations, but its relevance extends to anyone involved in globalized work environments.

The breadth of topics covered is impressive, ranging from neo-behavioral approaches to cross-cultural management to in-depth examinations of motivation and intercultural competence. The chapters are well-organized, with a clear progression from psychological insight to practical application. The inclusion of exercises and real-world examples enhances the book’s usability, making it a comprehensive guide for both practitioners and students.

Overall, Intercultural Leadership is a highly successful work that provides a thoughtful and practical approach to the complexities of global communication and leadership. It stands out not only for its theoretical depth but also for its hands-on advice, making it a must-read for anyone aiming to thrive in today’s interconnected world.

Sierk Horn (2024):
Intercultural Leadership: Humanistic Perspectives
UTB: Stuttgart
ISBN: 978-3-8252-6186-3

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